Varianten von Verachtung im TV-Interview („Ich glotz TV” #1)

05. Oktober 2014 | allgemein, Mimik + Körpersprache

Mimikresonanz Anwender kennen das: Nach einem Mimikresonanz Seminar verändern sich die Fernsehgewohnheiten. Wenn sich Prominente vor der Kamera streiten, spürt man richtig, wenn sich eine Mimik-Entgleisung aufbaut. Und meistens kommt sie wirklich. In diesem Blog spreche ich über zwei Beispiele, wo sich das Warten gelohnt hat. In beiden Beispielen verrät eine Mikroexpression von geschätzt 100 Millisekunden die wahren Emotionen der Beteiligten. In Beispiel 1 hält ein prominenter Sport-Trainer stoisch Anspielungen auf seinen Misserfolg stand, bis er durch Mimik verrät, dass er die Leistungsbereitschaft der eigenen Mannschaft verachtet. In Beispiel 2 versucht Heute Journal-Moderator Claus Kleber der Grünenpolitikerin Claudia Roth eine Zustimmung zu Waffenexporten abzuringen. Als sie nicht einschwenkt, zeigt er ihr offen seine moralische Verachtung. Lesen Sie in diesem Blog, worauf Sie bei Interviews achten müssen, um die zwei bekanntesten Varianten von Verachtung zu unterscheiden.

Ein Trainer im Kreuzfeuer

Jeff Tomlinson, der Cheftrainer der Berliner Eisbären, ist im Februar 2014 in einer unbequemen Position. Er hat das Amt von Don Jackson übernommen, der fünf Mal Deutscher Eishockeymeister war und die Eisbären zu DEL-Rekordmeister machte. Schon als Spieler war Tomlinson nicht besonders beliebt. Jetzt hat er eine Niederlagenserie eingefahren und die Eisbären stehen auf Platz 10 der Ligatabelle. Es besteht die Gefahr, nicht in die Playoffs einzuziehen. Fans und Presse sind genervt. Tomlinson nimmt trotzdem eine Einladung zum RBB-Sportplatz (die Sportsendung des Berliner ARD-Programms) an.

Weil ich auf eine andere Sendung warte, klicke ich mich dazu. Schon nach wenigen Momenten fesselt mich das Interview. Der Reporter konfrontiert Tomlinson mit negativen Statistiken, Filmen über den Fan-Unmut und Bildern aus der glorreichen Vergangenheit. Tomlinson, der eigentlich langsam unter den Tisch sinken müsste, bleibt eiskalt. Keine Gesichtsregungen. Je länger das Interview läuft, desto aufmerksamer werde ich. Wie lange hält Tomlinson das durch, ohne sauer zu werden?

Verachtung – der Moment der Gesichtsentgleisung bei Jeff Tomlinson

Auf einmal ändert Tomlinson seine Interview-Strategie. Er spricht davon, dass er eine Entdeckung gemacht hat. Er erzählt, dass er bemerkt habe, dass seine Mannschaft ein Einstellungsproblem habe. Erst sieht er betroffen aus. Dann hebt sich sein linker Mundwinkel. Kurz aber deutlich: Verachtung.

Verachtung wird durch unmoralische Handlungen oder mangelhafte Leistung getriggert. In diesem Fall handelt es sich höchstwahrscheinlich um Geringschätzung gegenüber der Einstellung der Mannschaft.

Wenn ich Tomlinsons Manager wäre, würde ich mir nach dieser Mikroexpression Gedanken über das Verhältnis von Trainer zu Mannschaft machen. Ist der für Spitzenleistungen notwendige gegenseitige Respekt noch vorhanden?

Eine Politikerin unter Moral-Beschuss

Das Elend der Kurden, die im nördlichen Irak unter IS-Beschuss geraten ist, erschüttert die Welt. Heute Journal-Moderator Claus Kleber ergreift deshalb die Möglichkeit Claudia Roth zu interviewen, die sich auf einer Reise in die türkischen Grenzregionen begeben hat, um die Situation der Kurden zu bezeugen.

Zunächst wird Claudia Roth mit fuchtelnden Händen zwischen Hunderten von Kurden gezeigt. Die Grünen-Politikern und stellvertretende Bundestagspräsidentin wird als „ungewöhnlich aufgewühlt“ bezeichnet. Auf Ihrem Gesicht zeigen sich Sorgenfalten. Mit brüchiger Stimme bittet sie darum, dass die Kurden nicht vergessen werden.

Schon die erste Frage von Claus Kleber offenbart, welche Absicht diese Bilder verfolgen: „Sie wirkten aufgewühlt und wütend bei ihrem Besuch heute. Heißt das, Sie sind jetzt bereit die Kurden beispielsweise auch mit Waffen zu unterstützen? Eine Position, die Sie bisher nicht hatten.“ Claudia Roth schüttelt den Kopf und weist auf die Komplexität der Gesamtsituation hin, die nicht auf Waffenlieferungen zu reduzieren sei.

Kleber hakt nach: „Die Kurden sagen, sie seien hoffnungslos unterlegen mit den Waffen und unter anderem fällt die Stadt Kobani, weil sie den vorrückenden Truppen der Isis nichts entgegenzusetzen hat. Claudia Roth weist darauf hin, dass sie sich erstens aktuell für die humanitäre Hilfe gegenüber 160.000 Flüchtlingen engagiert und verlangt, dass Deutschland Druck auf die Regierung Erdogan ausübt, die Isis Öl-Geschäfte, Isis-Waffenkäufe, Isis-Trainingscamps und die Behandlung von Isis-Kämpfern in der Türkei nicht unterbinde.

Verachtung – der Moment der Gesichtsentgleisung bei Claus Kleber

Jetzt entgleist Claus Kleber das Gesicht. Er fragt: „Sie bleiben dabei, dass die Deutschen sich nicht die Hände bzw. die Stiefel schmutzig machen sollen in dieser Situation. Humanitäre Hilfe aus Deutschland, politischer Druck auf Ankara, das soll reichen?“ Die linke Wange zieht nach oben. Verachtung!

In diesem Fall ist die Verachtung möglicherweise mit Vorstellungen von der Überlegenheit des eigenen moralischen Denkens verknüpft.

Ich bin sprachlos. Claudia Roth wird fuchsig. Nicht gegen Kleber, dafür ist sie zu professionell. Sie wiederholt mit druckvoller Stimme und ernstem Gesicht ihre Forderungen. Und ich frage mich, was Kleber mit den „schmutzigen Stiefeln“ gemeint hat. Wünscht sich der ZDF-Moderator vielleicht noch etwas ganz anderes von deutscher Seite als Waffenlieferungen?