Wo ist Fred? Der Emotionen-Check!

14. Januar 2014

Achtung: Mimikresonanz macht süchtig. Seit ich bei Dirk Eilert im Training war, kann ich die Fernbedienung meines DVD-Players nicht mehr aus der Hand legen. Dirk hatte davon erzählt, wie er wochenlang Videosequenzen analysiert. Ich erinnere mich, wie ich im Zug zu ihm sagte: „Das kann ich mir für mich eher nicht vorstellen“. Und dann das: Nachdem ich die Komödie „Wo ist Fred?“ angesehen habe, will ich ins Bett gehen, denn es ist kurz nach Mitternacht. Weil noch ein kleiner Schluck Bier im Glas ist, klicke ich noch kurz auf die Extras. Und dann sehe ich plötzlich Dinge, die ich noch nie gesehen habe. Ich bin schlagartig hellwach und analysiere bis drei Uhr morgens die Wo ist Fred? Interviews mit Til Schweiger, Jürgen Vogel, Alexandra Maria Lara, Anja Kling und Tanja Wenzel. Denn in deren Gesichter ist alles drin, was man über Mimikresonanz wissen muss.

1. Ausgangspunkt für die Videoanalyse: Die Charaktere der Figuren

Der Polier Fred Krüppers (Til Schweiger) ist verliebt. Um Mara (Anja Kling) zu beeindrucken, möchte er deren Sohn Linus den handsignierten Ball eines Basketballstars schenken. Einen solchen Ball erhalten jedoch nur die Fans auf der Behindertentribüne des Basketballclubs. Fred schleicht sich unter Mithilfe seines Kumpels Alex (Jürgen Vogel) im Rollstuhl unter die Fans und fängt einen signierten Ball. Überraschend taucht die PR-Abteilung des Basketballclubs im Fanblock auf, um Fred in einen Imagefilm zu platzieren. Die zuständige Regisseurin Denise Popnik (Alexandra Maria Lara) verliebt sich dabei in Fred, der seine Rolle als Behinderter beibehält, um den Ball von ihr zurück zu bekommen. Kamerafrau Vicky (Tanja Wenzel) betrachtet die Szenerie mit Argwohn.

2. Ausgangspunkt für die Videoanalyse: Schlechte Filmkritiken

Spannender Ausgangspunkt für die Videoanalyse ist die Thematik des Films (Behinderung) und seine Rezeption durch die Kritiker. Filme über Behinderung stehen unter besonderer Beobachtung, die Produzenten achten gezielt auf politische Korrektheit. Die freche Verknüpfung einer Komödie mit dem Thema Behinderung wurde in dem Film „Ziemlich beste Freunde“ zum Megaerfolg. Der Film „Wo ist Fred?“ bekam hingegen trotz des Star-Ensembles unterdurchschnittliche Fan-Resonanz und wurde von Kritikern als „billig“ und „populistisch“ bezeichnet.

Til Schweiger und die Mimik der Verachtung

Im Interview erzählt Til Schweiger über Film und Dreharbeiten: „Ich hatte einen Riesenspaß. Das ist eine super Rolle und ich habe sehr viel Spaß gehabt bei dem Dreh.“ Bei diesen Worten zieht er seinen Mundwinkel einseitig hoch, ein klassischer Ausdruck von Verachtung (Action Unit 14: Wangenpresser). Im Mundwinkel bilden sich Falten und eine kleine Wulst. Er neigt den Kopf einen Tick seitlich, die Stimme wird eine Spur leiser. Die Mimik spielt sich nur in einer Gesichtshälfte ab.
Die Mimik widerspricht dem Gesagten. Es handelt sich um ein Zucken:  eine Mikroexpression, die nur aufmerksame Beobachter wahrnehmen. Wie zufrieden war Til Schweiger mit dem Film, der Rolle und dem Dreh in Wirklichkeit? Ein Hauptthema von Verachtung sind mangelhafte Leistungen. (Bild: (c) Senator/Universum Film)

Jürgen Vogel und die Mimik des Ekels

Im Interview erzählt Jürgen Vogel über den filmischen Umgang mit Behinderung: „Da sollte man auch nicht zu doll mit den Samthandschuhen rangehen, sondern einfach so provokativ und offen, wie es nur geht, damit das auch wirklich ehrlich ist.“ Dabei zieht Jürgen Vogel die Nase hoch (Action Unit 9: Nasenkräusler). Die Haut zieht sich deutlich sichtbar entlang der Nasenfalten nach oben. Die Nasolabialfalte vertieft sich. Die Nasenflügel sind geweitet. Die Augenöffnung wird schmaler. Damit Sie diese Veränderungen gut erkennen können, habe ich einen normalen Gesichtsausdruck als Baseline mit abgebildet. Die Mimik des Ekels wird durch das Hochziehen der Oberlippe verstärkt. Der Oberlippenheber (Action Unit 10) zeigt die klassische steile Abwärtskrümmung an den Seitenrändern. Hierfür ist der Muskel Laviator labii superioris zuständig. (Bild: (c) Senator/Universum Film)

Spannend ist bei diesem Bild, dass auch die Action Unit 4 (der Augenbrauensenker) auftritt. Die Augenbrauen ziehen sich nach unten, die Augendeckenfalte senkt sich und verkleinert das Auge. Die Augenbrauen rücken näher zusammen und auf der Gabella bilden sich die klassischen senkrechten Falten, die auf Ärger hinweisen. Worüber ärgert sich Jürgen Vogel? Was ekelt ihn an, wenn er über den Umgang mit Behinderung im Film spricht? Auch hier handelt es sich um eine Mikroexpression, die den Betrachter verwirrt. Ekel und Ehrlichkeit, wie geht das zusammen? (Bild: (c) Senator/Universum Film)

Alexandra Maria Lara zeigt Verlegenheit

Alexandra Maria Lara erzählt im Interview über ihr Verhältnis zu Fred: „Ansonsten verliebt sie sich in ihn. Einfach so!“ Dabei senkt sie den Blick zur Seite und dreht dabei den Kopf. Sie wendet den Blick ab und presst die Lippen zusammen. Alexandra Maria Lara lächelt (der große Jochbeinmuskel zieht die Mundwinkel nach hinten und oben, die Nasolabialfalte vertieft sich, das Infraorbitaldreieck wird angehoben), aber um ihre Augen herum bilden sich keine Fältchen. Der äußere Augenringmuskel bleibt locker, es handelt sich um ein soziales Lächeln. Der Blick wird ca. 1,5 Sekunden vor dem stärksten Lächeln abgewendet. Es handelt sich um den klassischen Ausdruck von Verlegenheit. (Bild: (c) Senator/Universum Film)

Verlegenheit wird als abgeschwächte Form von Scham bezeichnet. Beide gehören zwar zur Emotionsfamilie der Trauer. Verlegenheit drückt sich jedoch durch das Lächeln anders als Scham aus. Als Trigger werden Benimm-Ausrutscher und heikle Situationen zugeordnet. Die Mimik passt zur Aussage, denn genau darum geht es in der Beziehung zwischen der Regisseurin und dem in eine andere Frau verliebten Behinderten. Im Gegensatz zu den bisherigen Emotionen handelt es sich um eine Makroexpression, die für zwei Sekunden gut sichtbar im Bild erscheint.

Anja Kling zeigt Trauer und Schmerz

Anja Kling erzählt im Interview über Freds Liebe zu Mara: „Irgendwie glaubt er am Anfang, dass das vielleicht Glück bedeuten könnte. Und später begreift er, dass das mit seinem persönlichen und privaten Glück gar nichts zu tun hat.“ An diesem Bild habe ich lange herumgerätselt. Der Ausdruck von Trauer ist deutlich: Der innere Bereich der Augenbrauchen zieht sich deutlich nach oben und bildet eine Dreiecksform. Die Stirnfalten legen sich durch die nach innen gerichtete Bewegung der Augenbrauchen in Querfalten. Mund und Wangen zeigen eine Spannung, die meiner Vermutung nach auf eine subtile Schmerzexpression hinweist. (Bild: (c) Senator/Universum Film)

Weil Anja Kling über den Verlust einer Beziehung spricht, ist der Ausdruck stimmig und glaubhaft. Er steht ca. fünf Sekunden in ihrem Gesicht geschrieben und kann daher als Makroexpression bezeichnet werden.

Anja Wenzel zeigt betonte Verachtung

Anja Wenzel erzählt im Interview über die Rolle der Denise Popnik: „Denise redet immer viel und erzählt immer viel und es muss immer alles irgendwie ganz PC sein.“ Im Gesicht von Anja Wenzel zeigen sich alle Ausdrücke nur auf einer Seite. Da der Mundwinkel einseitig gepresst wird (Action Unit 14 – Wangenpresser), handelt es sich um einen Ausdruck von Verachtung für das Verhalten von Denise Popnik. Die hochgezogene äußere Seite der Augenbraue (Action Unit 2 – äußerer Augenbrauenheber) übernimmt beim Vorgang des Sprechens die Funktion einer Betonung (im Gegensatz zu anderen typischen Funktionen wie Überraschung). Deutlich sichtbar tritt auch die Nasolabialfalte hervor. (Bild: (c) Senator/Universum Film)

Interessant: Im unteren Bildbereich sehen Sie einen sogenannten Illustrator. Anja Wenzel arbeitet mir ihren Händen und spielt beim Wort „PC“ eine Gestik vor, die auf Etepete-Verhalten hindeutet.

Danksagung

 

 

  • Ich danke meiner Tochter Naima für die spannende Diskussion bei der Entschlüsselung dieser Bilder.

 

  • Ein wundervoll unterhaltsame Art und Weise, mit dem Erkennen von Emotionen zu beginnen, stellt das Anschauen der Serie “Lie to Me” dar.

Ausbildungen bei Al Weckert

Der Umgang mit starken Emotionen ist Teil der Trainings und Ausbildungen, die ich in der Akademie im Park (Wiesloch) halte.

Sie können zwischen einem Grundlagen der Gewaltfreien Kommunikation, einem Training für den Umgang mit starken Gefühlsäußerungen (Tanz auf dem Vulkan), einer berufsbegleitenden Mediationsausbildung (auf Basis von Gewaltfreier Kommunikation) und einem Empathie-Methodentraining für Trainer und Coachs (Methodenkoffer Empathie) wählen.

(c) Al Weckert